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Die Kastanienbäume sind die neue Identität der Gemeinde Murg (SG) am Walensee.Bilder: Sarah Sidler

Zeitschriften | Verband & PolitikLesezeit 2 min.

So schützt das Kastaniendorf am Walensee seine Brotbäume

Im Murg (SG) befindet sich der grösste schweizerische Kastanienbestand nördlich der Alpen. Damit dieser nicht geplündert wird und zum Schutz der 1850 Bäume, musste sich der zuständige Verein Pro Kastanie Murg etwas einfallen lassen.

Sarah Sidler | Es ist inzwischen weitherum bekannt, dass in Murg (SG) prächtige Kastanienbäume stehen. Neben den gut 1800 «wilden Cheschtänä» wachsen in den beiden gut erschlossenen Vereins­plantagen – den Selven im Brünneli und Chohlplatz ­– 50 Edelkastanienbäume. Die angepflanzten Bäume sollen die Fruchtproduktion der Edelkastanie in Murg sichern. Werden die Bäume veredelt, liefern sie nach rund drei Jahren die ersten Früchte. Bei den «Wilden» dauert dies rund 25 Jahre, die Grösse ist oft bescheiden. Die Bäume im Wald haben sich selbst verjüngt. Auf einer von Sturm Vivian geschaffenen Fläche stehen heute knapp 50 Kastanienbäume, «gepflanzt» vom Eichelhäher. Mittlerweile gedeihen in der Gemeinde am Walensee sieben bekannte Edelkastaniensorten.   

Die Haine liegen auf Boden der Ortsgemeinde Murg. Somit stehen die Früchte der Allgemeinheit zur Verfügung. «Leider wird die Möglichkeit, hier Kastanien zu sammeln, von manchen Besuchern ausgenutzt», weiss Josef Kühne, Präsident des Vereins Pro Kastanie Murg und Revierförster. Seit der Pandemie habe die Anzahl der Menschen in und um die Selven massiv zugenommen. Bis zu 700 Personen werden an schönen Wochenenden im Murger Kastanienwald gezählt. Befragungen zeigten, dass rund 60% der Besucher einen Weg von 60 bis 100 Kilometern auf sich nehmen, um zu den Selven zu gelangen. Einige würden richtiggehend hamstern und kiloweise Edelkastanien sammeln. «So viele, dass ich mich frage, wie viele davon wirklich gegessen werden», sagt Josef Kühne. Weiter wurde beobachtet, wie Holzprügel und Steine in die Bäume geworfen worden seien, damit sich die Kastanien von den Bäumen lösen. Erstens sei dies unsinnig, da die Früchte erst reif sind, wenn ihre igelförmigen, braunen Hüllen von allein von den Bäumen fallen. Und zweitens bestehe die Gefahr, dass die Gegenstände die Bäume verletzen.

Diese Wunden sind mögliche Eintrittspforten für den Kastanienrindenkrebs. Der Kastanienrindenkrebs wird durch den Pilz Cryphonectria parasitica (früher Endothia parasitica) verursacht. In der Schweiz wurde der Kastanienrindenkrebs erstmals 1948 im Tessin gefunden. Heute sind fast alle Kastanienbestände in Europa davon betroffen, schreibt Waldwissen.net. Dank verschiedenen Massnahmen konnte der Kastanienrindenkrebs in Murg schon früh eingedämmt werden: Josef Kühne bekämpfte ihn zwischen 2000 und 2020 mit Hypovirulenz. Das Mittel hat er mittels einer Paste oder eines Sprühsprays auf die befallenen Stellen von jungen Bäumen aufgetragen. Dann wurde die Stelle mit Cellophan oder mit Klebeband für zwei bis vier Wochen abgedeckt. Wichtig sei auch, die Bäume im Winter bis Mitte Januar zu schneiden, sodass die Stellen überwallt werden, bevor der Pilz im Frühling wieder aktiv wird.

Aufenthaltszeit rechtlich regeln

Um die Bäume zu schützen, stellt der Verein Pro Kastanie Murg seit einigen Jahren während der Erntezeit Tafeln mit Verhaltensregeln auf. Weiter seien Vereinsmitglieder vor Ort, die auch einen Infostand betreuen. «Da diese Massnahmen leider nur bedingt Wirkung gezeigt haben, sind seit 2023 in der Erntezeit jeweils am Wochenende Ranger im Einsatz», sagt Josef Kühne. Diese informieren und sensibilisieren die Besuchenden. Weiter nehmen sie Verstösse auf. Um den Rangern die Arbeit zu erleichtern, soll die Schutzverordnung des Gebiets angepasst werden. Dann können die Ranger bei schweren Verstössen Anzeige erstatten.

«Künftig soll der Aufenthalt in den Selven nur noch tagsüber erlaubt sein. Weiter sollen Sammelhöchstmengen pro Person eingeführt werden», sagt Josef Kühne. Finanziert werden die Ranger mit Mitteln des Tourismusvereins, der Ortsbürger- und der politischen Gemeinde, des St. Galler Amts für Natur, Jagd und Fischerei sowie
des Vereins.

Kastanien: die Identität von Murg

Die Kastanie hat eine lange Tradition in Murg. Den ersten Eintrag eines Hains findet man im Jahr 1819. Im Laufe der Zeit nahm die Wichtigkeit der Brotbäume aber auch hier ab. Nachdem Murg jedoch mit der Schliessung der letzten Spinnerei 1996 einen Teil seiner Identität verloren hatte, suchte das Dorf nach einer neuen identitätsstiftenden Idee. Die aktive Förderung der Kastanie begann 2001 mit einer Ausstellung an der Chilbi. Ein Jahr später ging aus dem Komitee der Initianten der Verein hervor. Die beiden Selven wurden 2002 und 2007 angepflanzt. 2004 legten die Vereinsmitglieder den ersten Kastanienweg an, 2011 wurde dieser erweitert. Heute säumen 13 Holzfiguren die Pfade. Aus dem Spinnereidorf wurde allmählich ein Kastaniendorf.

An drei Tagen im Jahr werden Selven, Weg, Spielplatz und Stübli durch einen Teil der 280 Vereinsmitglieder gepflegt. Sträucher werden zurückgeschnitten, Gras wird gemäht und Laub gerecht. Zudem werden tief liegende Äste abgeschnitten, damit niemand auf die Bäume klettern kann. An der Murger Chilbi im Oktober ist der Verein mit dem «Kastanienzelt» vor Ort. Im November findet das jährliche Marroni-Essen im «Kastanienstübli» statt.

Josef Kühne ist seit Gründung des Vereins Präsident. Während rund 800 Arbeitsstunden setzt er sich jährlich gemeinsam mit weiteren Vorstandsmitgliedern zum Wohl der
Murger Kastanienbäume ein. Neben Pflegemassnahmen macht er Führungen im Kastanienwald und Beratungen. «Auch während meiner Arbeitszeit als Revierförster gebe ich Privatpersonen und Arbeitskollegen mein Wissen rund um Kastanienbäume weiter.» Besonders während der Erntezeit habe er viele Anfragen. Das freut ihn. Seit rund 30 Jahren beschäftigt er sich mit Edelkastanien. Weil er sein Umfeld ständig für die Tintenkrankheit und Kastaniengallwespen sensibilisiert und entsprechende Massnahmen einleitet, kommen auch diese Schädlinge bei den Murger Edelkastanien bis jetzt noch nicht vor.

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